Unsere ehrwürdige Loge blickt auf eine 175-jährige Geschichte

1839: Die Mülheimer Brüder verehren das preußische Königshaus
Die Loge wurde am 10. März 1839 unter dem Namen "Broich zur verklärten Louise" unter der Jurisdiktion der Großen National-Mutterloge "Zu den drei Weltkugeln" gegründet. Mit der Wahl dieses Namens wollten die Brüder ihre Verehrung für das preußische Königshaus und namentlich für die 1810 verstorbene ehemalige Königin von Preußen ausdrücken, die in jungen Jahren einige Zeit in dem auf der linken Ruhrseite gelegenen Schloss Broich zugebracht hatte.

In Preußen fand die Freimaurerei seinerzeit viele Freunde, traten wie in England die Angehörigen des Herrscherhauses als Begründer bzw. Protektor von Großlogen in Erscheinung. So war die Großloge "Zu den drei Weltkugeln" 1740 von Kronprinz Friedrich von Preußen (später der Große genannt) gegründet worden.

Die Loge wäre aber kaum entstanden ohne den starken wirtschaftlichen Aufschwung und den intensiven Strukturwandel, den Mülheim in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebte. In den Jahren 1800 bis 1830 hatte sich die Einwohnerzahl der Stadt verdoppelt, sie war inzwischen die dritt- bzw. viertgrößte Stadt des Ruhrgebiets geworden. Die traditionelle Basis (Landwirtschaft, Öl-, Papier- und Getreidemühlen) wurde mehr und mehr von Kohlenhandel und Textilindustrie abgelöst. Alldem war die gewachsene "Infrastruktur" der Stadt kaum mehr gewachsen; im Straßen- und Brückenbau, im Schul- und Sozialbereich bestand erkennbar Handlungsbedarf. Vor allem aber: Es fehlte an kulturellen Einrichtungen, an Gelegenheiten zum Meinungsaustausch und zur geistigen Entspannung


Königin Louise von Preußen (1776-1810)


1840 und danach: Die Loge prägt die Stadtgeschichte

Kaiser Wilhelm I. (1797-1888)
Vor diesem Hintergrund ist die Entstehung der Mülheimer Loge zu sehen. In ihr fanden sich nicht nur die Angehörigen alteingesessener Mülheimer Familien zusammen (etwa die Brüder Hermann W, und Richard von Eicken), sondern auch die Söhne solcher Bürger, die erst im Laufe der letzten Jahre zugewandert waren (Joh. Caspar Troost III, Eugen Coupienne) oder es aus eigener Kraft zu Ansehen und Macht gebracht hatten (so etwa Mathias Stinnes) - fast alle gehören zu den Gründungsmitgliedern der jungen Loge.

Ihre Verehrung zum preußischen Königshaus dokumentierten die damaligen Brüder aber nicht nur mit ihrer Namenswahl, sondern auch damit, dass sie im Jahre 1840 dem Prinzen von Preußen und späteren Kaiser Wilhelm I, Protektor der preußischen Freimaurerlogen, die Ehrenmitgliedschaft anboten, die dieser "mit innigem Dank" annahm. Die Mülheimer Loge ist damit wahrscheinlich die erste (und möglicherweise einzige) Loge, der der spätere Kaiser unmittelbar angehörte.

Es lässt sich zeigen, dass die Mitglieder der Loge in diesen Jahren merklichen Einfluss auf die Stadtgeschichte nehmen konnten. Hier mag genügen, auf die enge Zusammenarbeit zwischen dem Bürgermeister Weuste und Mathias Stinnes hinzuweisen - etwa beim Bau der sog. Kettenbrücke, des ersten Rathauses oder der Aktienstraße - oder an die Aktivitäten von Joh. Caspar Troost im Schulbereich zu erinnern.


1850: Die Logenarbeit wird verübergehend eingestellt
Ursächlich hierfür waren die politischen Umwälzungen , die Preußen zu jener Zeit erlebte - und der Verstoß gegen das freimaurerische Gebot, religiöse und parteipolitische Fragen aus den Logen zu verbannen. Die internen Auseinandersetzungen erreichten ihren Höhepunkt im Zusammenhang mit der Revolution von 1848 und führten letztlich dazu, dass die Loge am 16. Mai 1850 für inaktiv erklärt werden musste.


1854 bis 1900: Der soziale Wandel beeinflusst die Mitgliederstruktur
Die Arbeiten konnten zwar schon im Jahre 1854 wieder aufgenommen werden. Es zeigte sich aber bald, dass die Bruderschaft, was die Herkunft, die Berufe oder die gesellschaftliche Stellung der Mitglieder anbetraf, anders zusammengesetzt war als zu Zeiten der Gründung: An die Stelle der alteingesessenen Bürger und Unternehmerpersönlichkeiten traten mehr und mehr die leitenden Mitarbeiter der sich allmählich herausbildenden Großunternehmen, die Techniker, Ingenieure und Verwaltungsfachleute sowie Ärzte und Juristen. Lange Jahre führte ein Arzt, der Sanitätsrat und Kreisphysikus Dr. J.H. Leonhard, den ersten Hammer der Loge.

In diesen Tendenzen spiegeln sich nicht zuletzt die gesamtwirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen, die nach der Reichgründung einsetzten. Insgesamt gesehen, entwickelte sich das Logenleben positiv: die Zahl der Mitglieder stieg, die Logenabende waren gut besucht und die karitativen Bemühungen konnten ausgeweitet werden. Im Jahre 1881 übernahm Karl von Bock und Polach das Amt des Stuhlmeisters, zwei Jahre, nachdem er zum (Ober)bürgermeister gewählt worden war. In seiner langen Amtszeit (bis 1899) waren die Verbindungen zwischen der Logen- und der Stadtgeschichte besonders eng, entstand vieles von dem, was noch heute für Mülheim charakteristisch ist - so die Ruhrpromenade und ein systematisch ausgebautes Straßennetz, das Wasserwerk und die Stadtsparkasse.

An dieser Stelle ist auch an Dr. Hermann Leonhard, den Sohn des Sanitätsrates und ehemaligen Stuhlmeisters J.H. Leonhard zu erinnern: Zusammen mit seiner Ehefrau Margarete, der Tochter von Mathias Stinnes, stellte er das Stiftungskapital für medizinische, kulturelle und soziale Einrichtungen bereit (u.a. für die heute noch existierende Augenheilanstalt).

Dr. Hermann Leonhard


1935: Freimaurerei wird von den Nazis verboten - die Loge muss schließen
Umso schmerzlicher waren die Erfahrungen des ersten Weltkrieges, der nachfolgenden Wirtschaftskrise und des Zusammenbruchs der Weimarer Republik. Der Freimaurerei brachten die politischen Entwicklungen das Verbot und die erzwungene Selbstauflösung: Im Juni 1935 besetzte die SA-Standarte das Logenhaus und untersagte den Logenmitgliedern den Zutritt, die Bibliothek und das Inventar wurden im Garten verbrannt oder verschleppt. Unter dem Druck nationaler und lokaler NSDAP-Organe fasste die Loge im Juli 1935 den Beschluss zur Selbstauflösung. Das Vereinsvermögen wurde nach Weisung des Reichführers SS an "Institute mit wohltätigen Zwecken" verteilt. In der Folgezeit konnten sich die Brüder - wenn überhaupt - nur zu informellen Begegnungen treffen.


1947: Die Freimaurer in Mülheim nehmen ihre Arbeit wieder auf
Schon bald nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges regte sich der Wunsch, die Loge reaktivieren. Von den 140 Brüdern, die der Loge vor 1933 angehört hatten, konnten immerhin noch 35 Brüder ausfindig gemacht werden; sie sprachen sich im Dezember 1947 fast einstimmig für die Wiedergründung aus; nun allerdings als Mitglied der Landesgroßloge Nordrhein-Westfalen - die selbst später in der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland (A.F.u.A.M.v.D.) aufging. Nach Rückübertragung des Grundstücks konnte dank staatlicher Entschädigungszahlungen und unter Rückgriff auf eigene Mittel das im Krieg vollständig zerstörte Logenhaus in der Friedrichstraße wieder aufgebaut werden; im März 1958 wurde dort der neue Tempel feierlich eingeweiht. Damit wurde die Mülheimer Loge wieder Teil der weltumspannenden Bruderkette, das Logenhaus zum Ort des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens, etwa durch literarische oder musikalische Abende, die auch den übrigen Bürgern offen stehen. Die Mülheimer Loge war auch einer der ersten Mülheimer Vereine, der die Ziele des deutsch-französischen Freundschaftsvertrages umsetzte: Seit 1964 besuchen sich die Brüder der Partnerstädte Tours und Mülheim in alljährlichem Wechsel.


1989: Jubiläum 150 Jahre Freimaurer in Mülheim
Schloss Broich Ein Höhepunkt im Logenleben war zweifellos das 150. Stiftungsfest im Jahre 1989, an dem ca. 90 Brüder (darunter allein 23 aus Tours und 16 aus Rugby) teilnahmen. Der Empfang, zu dem die Oberbürgermeisterin ins Schloss Broich gebeten hatte, war zum einen geprägt durch den Festvortrag des damaligen Großredners der Großloge AFAMvD, Br.: (Prof. Dr.) H.-H. Höhmann, zum anderen dadurch, dass der amtierende Meister vom Stuhl der Städtischen Schule für Lernbehinderte eine (für die Verhältnisse der Loge) bedeutende Geldspende übergeben konnte. Die Tempelarbeit fand in den Räumen der Loge "Zur Deutschen Burg" i.O. Duisburg statt, da die große Zahl der Teilnehmer im Mülheimer Tempel kaum Platz gefunden hätte. Den Abschluss des Stiftungsfestes, das übrigens ein weites Echo in den regionalen Medien fand, bildete ein gemeinsamer Ballabend an im Festsaal der Mülheimer Stadthalle.


2010: Die Freimaurer in Mülheim arbeiten wieder mit voller Kraft und neuem Elan
Die vom Stiftungsfest ausgehenden Impulse für das Logenleben wirkten noch lange nach; nicht zuletzt weil das Logenhaus aus diesem Anlass umfassend modernisiert worden war. Sicherlich waren die achtziger und neunziger Jahre nicht frei von Sorgen und Nöten; dies ergibt sich schon aus der wirtschaftlichen und demographischen Entwicklung im Ruhrgebiet. Es hat sich aber gezeigt, dass auch die Logen selbst der Erneuerung fähig sind.

Als Folge personeller und organisatorischer Veränderungen präsentiert sich die Loge seitdem aktiver denn je: Eine deutlich verjüngte Bruderschaft beschäftigt sich wieder intensiv mit den freimaurerischen Tugenden und Ritualen sowie mit wichtigen Themen unserer Zeit (z.B. den ethischen Grundlagen unseres Wirtschaftssystems, der Bedrohung der natürlichen Lebensgrundlagen oder der Frage der Generationengerechtigkeit).


2014: Jubiläum 175 Jahre Freimaurer in Mülheim
Schloss Broich Nach einem halben Jahr Vorbereitungszeit feierte unsere Loge am 15. März 2014 ihr 175. Stiftungsfest. Der Festakt in der alten Karolingerburg war nur ein Teil der Feierlichkeiten, die sich über drei Tage zogen und mit der Anreise von Brüdern und Schwestern der befreundeten Logen in Tours und Madrid begannen.

Nach einem gemeinsamen Abend im Logenhaus folgte am Samstagmorgen mit einer Festarbeit im I. Grad der Auftakt der offiziellen Feierlichkeiten. Die Arbeit in Anwesenheit des Zugeordneten Großmeisters der AFAM sowie des Stellvertretenden Großmeisters der spanischen Großloge fand im Rittersaal des Schlosses statt, der einen überaus würdigen Rahmen für die Tempelarbeit und den folgenden Festakt.Nach der Begrüßung durch Meister vom Stuhl Till Esser überbrachten sowohl Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld als auch der Zugeordnete Großmeister der AFAM Stefan Roth-Kleyer Grußworte. Getrennt wurden sie von einer Auswahl klassischer Klavierstücke – die zumeist von Freimaurern komponiert und meisterlich von zwei Dozenten der Düsseldorfer Musikhochschule vorgetragen wurden.

Nach dem sich anschließenden Mittagsimbiss ging es zur Kaffeetafel ins Logenhaus, um sich dort in Ruhe auf die Abendveranstaltung vorzubereiten, die wiederum auf Schloß Broich stattfand. Bis tief in die Nacht wurde in Rittersaal und Tecklenburger Kammern gegessen, getrunken, in vier Sprachen geredet und die gemeinsame Zeit genossen.

Nach dem gemeinsamen Frühstück am Sonntagmorgen machten sich die verbliebenen auswärtigen Gäste auf die Rückreise. Was bleibt sind eine Vielzahl schöner Erinnerungen an ein rauschendes Fest und die Vorfreude auf den 10. März 2039. Dann nämlich wird die Mülheimer Freimaurerei zwei Jahrhunderte alt.


Unser Auftrag für die Zukunft
Lohnende Aufgaben werden die gegenwärtigen und die zukünftigen Brüder mehr als ausreichend finden, denn diese Welt ist auch heute noch nicht so, wie sie sein sollte und könnte. Die Bereitschaft zu uneigennützigem Handeln bzw. sozialem Konsens nimmt erkennbar ab. Die Verantwortung für zukünftige Generationen, die Verminderung des globalen Wohlstandsgefälles oder der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen wird bestenfalls in kleinen, medienwirksam aufbereiteten Bereichen (etwa dem Klimawandel) wahrgenommen. Bei der Bewältigung dieser Aufgaben kann die Freimaurerei in mehrfacher Weise Orientierung und Unterstützung bieten:

Freimaurerei hilft, Fehlentwicklungen in Wirtschaft und Gesellschaft zu erkennen. Indem sie dem menschlichen Handeln bestimmte Ziele und Leitlinien wie Humanität, Toleranz und Brüderlichkeit vorgibt, liefert sie jene Werturteile, die die Wissenschaft nicht geben kann, die Politik nicht liefern will: Weisheit leite den Bau!
Freimaurerei fordert, erkannten Fehlentwicklungen durch entschlossenes, vernunftgemäßes und demokratisch legitimiertes Handeln zu begegnen: Stärke führe ihn aus!
Freimaurerei lehrt, dass rationales Handeln und materieller Gewinn als Maßstab unseres Handelns unzureichend sind, dass daneben auch gesellschaftliche und kulturelle Aspekte ihren Wert haben: Schönheit führe ihn aus!


Aus diesen Gründen sind Logen auch in unseren Tagen notwendig und ganz in diesem Sinne hat Lessing schon 1776 in seinen "Gesprächen für Freymäurer" lakonisch festgestellt: "Die Freimaurerei war immer".